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Wie kommt man nach China?

Kann man sich an China gewoehnen?

Kulturschock?

Wie kommt man nach China?

Mit dem Flugzeug, klar. Gemeint ist aber eher das Warum. Dann sage ich immer „Ich bin nur mit.“  Was nicht unbedingt heissen soll „Ich kann nichts dafuer.“

Also das war so:

Im Februar 2006 erhielt Jens von seiner Firma das Angebot die chinesische Tochtergesellschaft fuer einige Jahre in Guangzhou zu übernehmen. Das Leuchten in seinen Augen, als er mir ganz vorsichtig diesem Vorschlag unterbreitete, war nicht zu übersehen. Als er damit herausrueckte, hatte er eine Mine wie „Du musst jetzt ganz tapfer sein.“ Nun ja, er wusste warum. Ich bin zwar offen fuer neue Dinge, aber bestimmt nicht so unkompliziert und anpassungsfaehig wie er. Ich muss dazu sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt gerade mal vor anderthalb Jahren aus meinem kleinen Freiberg nach Regensburg gezogen war und eine tolle Arbeit bei einem Software-unternehmen gefunden hatte, die mir richtig Spass machte.

So, jetzt also China. Da wir uns einig waren –entweder beide oder keiner- schien die Entscheidung bei mir zu liegen. Denn fuer Jens war die Trennung von seinen Soehnen, die bei seiner geschiedenen Frau leben, der einzige Wermutstropfen, der aber innerlich von der bevorstehenden Herausforderung schon ueberstimmt worden war. Er sollte bereits zwei Monate spaeter den Job uebernehmen, somit blieben uns (also mir) ganze drei schlaflose Naechte zur Entscheidungsfindung.  

Fragen über Fragen. Fuer wie lange bleiben wir dort, was wird aus meinem Berufsleben, unserer Wohnung, wie oft darf ich heim, was nehmen wir mit, wo werden wir wohnen, wie soll ich mich verstaendigen, bekommt man dort Heimweh und das Schmerzlichste: Mein Enkelkind soll ohne mich ein großer Junge werden.

Faszination und Fluch könnte man das Wechselbad der Gefuehle nennen. Wenn mich nie jemand mit der Entscheidung China konfrontiert haette, wuerde mir garantiert auch nichts im Leben fehlen. Nun wurde ich aber gefragt. Ich glaube, wenn man so eine Chance vorueberziehen laesst, ist hinterher die Welt nicht mehr so, als ob man nie gefragt worden waere.

Nun sind wir hier. Jens 3 Monate früher als ich. Ich habe dann bis Juli 2006 noch gearbeitet, einen Englisch-Kurs besucht, alle Freundinnen nochmal eingeladen, mir das Rauchen abgewoehnt, das Auto verkauft, alles organisiert, verpackt, um- und abgemeldet, die Familie besucht und bin Mitte August 2006 umgezogen. Oder sagt man bei der Entfernung schon „Auswandern“?

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Kann man sich an China gewoehnen?

Wie definiert man Gewoehnung? Sich durch Übung und Wiederholung mit etwas so vertraut machen, dass es für einen normal und selbstverständlich wird. An eine Menge Dinge habe ich mich in den ersten vier Monaten schon gewoehnt. Die fallen einem nur noch durch das Staunen der Daheimgebliebenen auf, wenn man so nebenbei darueber berichtet. An eine Menge Dinge werde ich mich noch gewoehnen. Diese Dinge werden mir irgendwann so vertraut sein, dass ich sie vermissen werde, wenn wir wieder nach Deutschland zurückkehren. Aber an eine Menge Dinge werde ich mich nie gewoehnen, da hilft auch die Zeit nicht. Nun ist ja auch nicht Ziel, ein Chinese zu werden. Wichtig ist, fuer die noch nicht so vertrauten Dinge offen zu bleiben und die ewig fremden Dinge zu tolerieren oder zu ignorieren. Sollten die ewig fremden Dinge aber den Alltag beherrschen und staendig spuerbar sein, ist man hier fehl am Platze.

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Kulturschock?

Was ist Kultur? Eine Kultur wird gepraegt durch die kollektiven Werte der menschlichen Gesellschaft. Dazu gehoeren Sitten und Gebraeuche, Lebens- und Organisationsformen sowie soziale Ordnungsmuster. Jeder Mensch wird gepraegt von der Kultur der Gesellschaft in der er aufwaechst und lebt. Was heisst es also in einen anderen Kulturraum zu wechseln. Im Falle meines Mannes garnichts. Er hat sich hier vom ersten Tag an wohlgefuehlt und zurechtgefunden.

Als ich hier ankam, war alles erst einmal wie Urlaub. Ich hatte noch 2 Wochen Zeit bis zum ersten Arbeitstag. In der Zeit waren einige Formalitaeten zu erledigen, fuer die ich eine chinesische Begleitung zur Seite hatte. Ansonsten gab es hier Palmen, es war heiss, die grosse Wohnung war bereits von meinem Mann eingerichtet worden, wir gingen jeden Abend in ein anderes Restaurant, ich fotografierte alles Moegliche – eben wie im Urlaub.

Als ich dann am 01.September 2006 zu arbeiten begann, sollte eigentlich der Alltag einziehen. Aber angekommen war ich zu der Zeit noch lange nicht. Unsere Wohnung war mir fremd und an der Arbeit plaetscherte alles so vor sich hin.

Irgendwann merkt man dann, dass man mit einer komplett anderen Welt konfrontiert ist. Man kennt sich nicht mehr aus. Die Selbstsicherheit leidet und selbst in alltaeglichen Dingen fehlt die Orientierung. An vieles, wie z.B. einen Friseurbesuch oder eine Busfahrt, muss man sich neu "Herantrauen".

Ab und zu fragt man sich dann, warum tue ich mir das alles an.

Die kulturellen Anpassungsschwierigkeiten werden unter dem Begriff "Kulturschock" mit folgenden Phasen beschrieben:              (Quelle: TU-Dresden Dr. Ulrich Zeuner)

1. Phase: Euphorie
Die eigene Kultur wird nicht in Frage gestellt, man ist Zuschauer.

2. Phase: Entfremdung
Erste Kontaktschwierigkeiten, man gibt sich selbst die Schuld.

3. Phase: Eskalation
Schuldzuweisungen an die fremde Kultur und Verherrlichung der eigenen Kultur.

4. Phase: Missverständnisse
Konflikte werden als Missverständnisse, als Ergebnis der kulturellen Unterschiede wahrgenommen.

5. Phase: Verständigung
Die unterschiedlichen kulturellen Spielregeln werden verstanden, geduldet, erlernt und geschätzt.

Mittlerweile (Januar 2007) bin ich in Phase 3, hoffe auf Phase 4 und bin auch ziemlich froh, dass es eine normale Erklaerung fuer meine zeitweiligen Stimmungstiefs gibt.

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Nachtrag 30. Mai 2007:

Ich denke Phase 5 hat nach nunmehr 9 Monaten begonnen. Die kulturellen Spielregeln verstehen, dulden, erlernen, schaetzen - was waere da alles zu nennen.  

Ich habe gelernt, dass die Kantonesen das was sie essen, auch wirklich moegen (z.B. Fleisch mit Knochen, Huehnerfuesse und Fischkoepfe). Ich bewundere, wie hier die Alten geachtet und respektiert werden. Ich schaetze ihre Freundlichkeit, Bescheidenheit, Begeistungsfaehigkeit und ihren Stolz auf die eigene Kultur. Ich sehe so gern der Geselligkeit in den Parks zu und ich erdulde das Schmatzen und Sprechen mit vollem Mund meiner Kollegen in der Kantine. Langsam verstehe ich ihre Art, wie sie Konflikte vermeiden und wie wichtig Gesichtswahrung ist. Ich habe gelernt keine Ja/Nein-Fragen zu stellen, da man aus der Antwort nicht erkennen kann, ob sie die Frage verstanden haben. Ich habe mich an die vielen Menschen und die krassen Gegensaetze gewoehnt (Schmutz und Sauberkeit, Armut und Reichtum, Hoeflichkeit und Ruecksichtslosigkeit, Bescheidenheit und Groessenwahn). Ich schaetze sehr, dass ich hier ein sicheres Gefuehl haben kann, wenn ich auf die Strasse gehe und als Auslaender, der nicht ihre Sprache spricht, geduldet werde. Mir macht es nichts mehr aus, oft angestarrt zu werden. Und ich habe gelernt, dass die Menschen hier, die die Geselligkeit so suchen und die Gemeinschaft so brauchen, trotzdem sehr individuell sind.

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